Ich glaube, sie hat etwas gemerkt. Zumindest spürt sie irgendwas. Ich kann es an ihren Bewegungen ablesen, die nicht mehr ganz so geschmeidig und fließend sind. Ich sehe es an ihren Augen, die nicht mehr ziellos umherwandern und wie zufällig kurz auf einem mir unbekannten Fixpunkt verharren. Ihr Blick flackert. Ihre ganze Haltung verrät Spannung. Aber ist es Wissen? Oder nur die Ahnung des Vorhandenseins irgendeiner Ungereimtheit? Nicht wirklich mit Gedanken oder gar mit Worten zu fassen, aber doch halb im Bewusstsein.
Mir wird schlagartig heiß. Ich bin sicher, dass mein Gesicht innerhalb eines Augenschlags eine durchdringend auffällige Rotfärbung angenommen hat. Die Hitze kommt in Wellen und lässt meine Wangen und meine Stirn aufbrennen. Unter meinen Achseln fließt der Schweiß. Ist sie auch ein so aufmerksamer Beobachter? Jeder, der ein bißchen Menschenkenntnis hat, kann in unserem Verhalten lesen wie in einem Buch. Den Durchschnitsidioten kann man mit ein paar simplen Tricks hinter’s Licht führen. Aber ich habe sie ausgewählt, weil sie etwas Besonderes ist.
Mir wird klar, dass diese Gedanken mein Unbehagen und die dadurch nach außen getragenen Signale nur noch steigern. Ich darf mich nicht in diesen Teufelskreis fallen lassen. Kontrolle. Die Kontrolle ist das Entscheidende. Entspann’ Dich, setz’ ein Lächeln auf und sag’ etwas, damit sie sich wieder auf Dich konzentriert. Wir haben noch viel vor.
Kein Geld kein Geld und alle wollen Geld. Die Maus wird sauer sein, die Maus wird sauer sein. Zurecht. Verpatzt. Verkackt, nicht dran gedacht. Scheiße, scheiße, scheiße, scheiße. Alles weg. Vorbei die Pläne des Investmentbänkers und der monatlichen Zinsausschüttung im zweistelligen Gutfühlbereich auf unbestimmte Zeit und Vorsorge. Vorsorge kommt manchmal schneller als einem lieb ist, und das ist mir nicht lieb, weil leiden kann ich das nicht gut und Mut brauchts irgendwie auch.
Schlecht, schlecht, schlecht. Ich fühl’ mich einfach schlecht. Ich hämmerhacke zer die Tasten mehr. Und keine Lust befriedigt jetzt, und alles Frust und alles Stuss. Die Worte rasen den Gedanken meilenweit hinterher, sind Flachheit für die Tiefe, die ich nicht genieße, die mich peinlich schlägt und hiebt. Kann denn dann, kann irgendwann nicht einmal alles rundlich geh’n, damit wir auch mal Lichter seh’n. Der Tunnel tunnelt immer weiter. Ich würde hier jetzt gerne aussteigen.
Mit grün auf schwarz, mit Wort ins Herz. So wüten schwürig die Gesetzten. Und dann den Kopf mit Schwung auf Holz, dann an die Wand, schürft blutig Raufaser die Wange. Ein Schlag, ein Stich, fontänt das Blut und schmerzlich stöhnt und dröhnt’s. Noch denk ich wild, noch denk ich viel, ein neuer Schwung zum Leibe. Die Augen klar und ungeklärt bleibt alles weiter stehen. Mich nimmt nichts mit, drum nehm’ ich dich und schleuder alles nieder. Nur weg, nur fort, denn Löwen tigern um die Bären.
Halt’s Maul, halt’s Maul und stell Dich ab. Ich kann es nicht mehr schauen. Hingekotzt.
Es ist eine schleimig-perverse Form von Morgen, irgendwo zwischen Tag und Nacht. Ich zünde mir eine Zigarette an, um festzustellen, dass ich da bin, um einen Punkt zu setzen, an dem ich mich orientieren kann. Sie schmeckt wie Kotze. Die Luft ist schwer von einem Geruchsnebel aus altem Alkohol, alten Zigaretten und alten Augenblicken, an die ich mich nicht erinnern kann.
Auf dem Tisch steht ein halbes Glas Weißwein. Ich mag Wein nicht wirklich, aber ich bin es leid, die Bierkisten die Treppe hochzutragen. Nach kurzem Zögern trinke ich den Rest in einem Zug und schaffe es gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer, um einen Cocktail aus vergorenen Trauben und Galle in die Schüssel zu plätschern. Kalter Schweiß steht mir auf der Stirn; trotzdem fühle ich mich für den Augenblick besser. Aus der Küche hole ich mir eine neue Flasche, freue mich, dass die Schraubverschlüsse auf dem Vormarsch zu sein scheinen und schenke nach.
Durch die geschlossenen Jalousien dringt irgendein diffuses Licht, aber ich will die Einzelheiten gar nicht wissen und lasse sie so, wie sie sind. Das Halbdunkel ist wie eine kuschelige Decke, die kratzt. Ich falle auf den Sessel und hoffe, dass es noch nicht die Zeit ist, in der Menschen andere Menschen anrufen, sie besuchen oder mit sonstigen sozialen Interaktionen belästigen. Wenigstens der Postbote hat mittlerweile begriffen, dass er bei mir nicht zu schellen braucht. Damit rangiert er in meiner Rangliste der intelligenten Lebensformen sehr weit oben.
Während ich so vor mich hin am Glas nippe, schweifen meine Gedanken gewohnheitsgemäß in alle Richtungen. Der Alkohol betäubt die körperlichen Unbefindlichkeiten, aber mein Hirn hat noch nicht akzeptiert, dass mich seine Fähigkeiten nicht beeindrucken, sondern behindern. Jedenfalls jetzt. Früher oder später werde ich einen Plan fassen müssen.